Kommentar zum Interview mit Herrn von Zahn in der Solarregion

Am 9.2.2016 erschienen ein zweitseitiger Beitrag über das Energiesystem in Gutleutmatten in der Zeitschrift Solarregion. Kernstück des Beitrags sind zwei Interviews, die in voller Länge unter folgenden Links zur Verfügung stehen: 

Link: Ein Interview mit Achim Kimmerle, der die Sicht der Bewohner Gutleutmattens vertritt
Link: Und ein Interview mit Herrn von Zahn, Leiter des Umweltschutzamts Freiburg

Erwiderung des AK-Energie auf die Aussagen von Herrn von Zahn

Herr von Zahn schreibt, dass "allen Bewerbern (...) bereits bei der Ausschreibung der Grundstücke die genauen energetischen Bedingungen aufgezeigt" wurden. Der tatsächlich zu zahlende Preis für die Wärme war in der Ausschreibung jedoch nicht zugänglich sondern konnte erst nach Planung der Gebäude errechnet werden - also nachdem bereits erhebliche Mittel von Seiten der Bewerber investiert waren. Die nur für die Energieversorgung herausgegebene Informationsbroschüre EnWiSol-Erwerber-Info nennt weder einen Energiepreis noch Anschlusskosten.


Er schreibt, dass "das solarthermische Energiekonzept (..) auch aus heutiger Sicht ein guter Weg (ist), niedrige CO2-Emissionen mit wirtschaftlich vertretbaren Kosten erreichen zu können." Unverständlich ist, den Begriff "wirtschaftlich vertretbare Kosten" im Zusammenhang mit den höchsten Fernwärmepreisen Deutschlands zu verwenden. Die Stadt hat nie CO2 Vermeidungskosten bezüglich alternativer Systeme veröffentlicht - es ist zu bezweifeln, dass die Alternative (dezentrale BHKWs in Bürgerhand) mit einem Drittel bis der Hälfte der Kosten überhaupt höhere CO2 Emissionen aufweist.


Weiterhin schließt er von den Bauaktivitäten vor Ort auf ein erfolgreiches Informationskonzept der Stadt. Dazu gibt es drei Erwiderungen:

  • Die Verzögerungen im Baugebiet sind erheblich - dass irgendwann gebaut wird, unabhängig vom Informationskonzept der Stadt, leuchtet direkt ein.
  • Zur Zeit des Interviews fanden noch keine Bauaktivitäten der Baugruppen statt; die einzigen Bauaktivitäten waren die der Investoren und der Stadtbau, welche die Wärmekosten direkt an die Mieter weiterreichen und sich folgerichtig überhaupt nicht darum kümmern.
  • Letztendlich sind alle Bauherren gezwungen früher oder später zu bauen - nicht weil sie vom Wärmesystem begeistert sind sondern weil sie es sich nicht leisten können, die Bereitstellungszinsen bei den Banken zusätzlich zu ihrer Miete zu bezahlen.

Die Aussage, "die Kostenstruktur der Fernwärmeversorgung (könne) aus dem Energiegutachten entnommen werden" erschließt sich nicht. Das Energiegutachten wurde den Baugruppen ohne Druck vor dem Sommer 2015 weder zur Verfügung gestellt, noch wird darin das nun geplante System untersucht.

Der Vergleich mit dem Baugebiet Güterbahnhof Nord, mit gleichem Dämmstandard und Gas KWK, aber auch die dezentrale Alternative, zeigen eindeutig, dass "hohe spezifische Wärmepreise (ct je kWh) (...) bei hochwärmegedämmten Häusern" eben nicht "typisch" sind. Zumindest sind die Preise in dieser Größenordnung nicht auf die Häuser zurückzuführen sondern allein auf den Anschlusszwang bei der badenova.

Etwas befremdlich wirkt beim Interview der Satz, " Auch andere von den Baugruppen eingeschaltete Behörden konnten keine wettbewerbsrechtlichen Probleme feststellen." Dabei stellen Landeskartellamt und Regierungspräsidium deutlich fest, dass eine kartellrechtliche Überprüfung nach Vorliegen der ersten Abrechnung angezeigt ist. Bisher konnte lediglich kein Problem festgestellt werden, da eine Prüfung vorab nicht möglich ist.

Herr von Zahn suggeriert weiter in seinem Interview, dass sich langfristig, bei steigenden Energiepreisen, das Konzept für die Nutzer auszahle. Folgender Satz trifft leider in Gutleutmatten überhaupt nicht zu: "Vorausgesetzt die Energiepreise würden in Zukunft steigen, werden sich unsere Klimaschutz-Konzepte nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch bewähren." Ein sehr hoher Anteil des Wärmepreises einschließlich der solar erzeugten Wärme (die die künftigen Bewohner der badenova bezahlen müssen) ist jedoch an den Index der Gaspreisentwicklung gekoppelt, die restlichen Preisbestandteile weitgehend an den Investitionsgüterindex. Bei steigenden Preisen der fossilen Energieträger steigt der Wärmepreis in Gutleutmatten also noch schneller an - für wen sich das "ökonomisch bewährt" wird leider nicht erwähnt.

Man findet auch einen richtigen Satz im Interview: "Bisher wurden diese beiden Versorgungsvarianten oft konkurrierend aufgefasst, da zwei kapitalintensive Heizsysteme die Gebäude mit Wärme versorgen sollen." Die badenova und Fraunhofer ISE haben bereits in der Planung gezeigt, dass diese Annahme auch in Gutleutmatten gültig ist: die Kombination beider Versorgungsvarianten ist nicht wirtschaftlich und führt zu den höchsten Fernwärmepreisen Deutschlands. Weshalb es auch der Energiewende einen Bärendienst erweist, können Sie hier nachlesen. Wir bedauern sehr, dass Fraunhofer ISE und badenova es nicht bei der ursprünglichen Berechnung in der Planungsphase belassen haben sondern dass sie die Unwirtschaftlichkeit des Ansatzes auf Kosten der Bewohner nun auch in der Praxis demonstrieren wollen. Dieser Zusammenhang erklärt auch, weshalb das System heute noch als innovativ bezeichnet werden kann: bisher hat niemand diesen ökonomisch unsinnigen Weg betreten.

Herr von Zahn skizziert die künftige Freiburger Energiepolitik: "Künftige Fernwärmesysteme im städtischen Umfeld müssen auf das fluktuierende Angebot der Erneuerbaren Energien reagieren können und u.a. Strom in Zeiten geringerer Verfügbarkeit der erneuerbaren Energien auf KWK-Basis zuverlässig bereitstellen." Wie ein im Sommer abgeschaltetes zentrales BHKW flexibel auf das fluktuierende Angebot der erneuerbaren Energien reagieren kann ist nicht erkennbar. Dabei bietet ein gasbetriebenes BHKW auch im Sommer eine günstige Möglichkeit, z.B. abends die Verbrauchspitzen abzumildern. In Gutleutmatten wird jedoch zusätzlich investiert, um diese Möglichkeit nicht zur Verfügung zu haben.

Die eigentlichen Beweggründe für das System lassen sich aus diesem Satz erahnen: "Freiburg unterstützt kompetente und professionelles Versorgungsunternehmen in der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle mit dem Ziel, hochwärmegedämmte Neubauten mit geringen CO2-Emissionen wirtschaftlich versorgen zu können". Unter diesen "Versorgungsunternehmen" ist die badenova gemeint, der ein Geschäftsmodell präsentiert wird mit dem sie sich "wirtschaftlich" versorgen und Ausschreibungen umgehen kann - selbst in hochgedämmten Neubaugebieten, welche kaum Wärme benötigen und in denen man als Wärmeversorger offenbar nur schwer konkurrenzfähig auftreten kann.

Zu guter Letzt regt der Schlusssatz zum Nachdenken an: "Unser Vorgehen bei der Ausarbeitung der Energiekonzepte von Baugebieten ist weiterhin zielführend, da damit der Weg geebnet ist, um die gesetzten Klimaschutzziele Freiburgs erreichen zu können." Das geplante System musste sich nie hinsichtlich der CO2-Einsparungskosten mit dezentralen Alternativen messen lassen, noch hätte es dabei Bestand. Es fand kein Wettbewerb statt. Wenn dieses Vorgehen als "zielführend" bezeichnet wird, dann waren wohl die Abschaffung des Verbraucherschutzes und die höchsten Fernwärmepreise Deutschlands das Ziel.

Folgt hier ein Umweltamt allzu sehr den Ratschlägen eines Energieversorgers statt einmal selbst zu rechnen oder auch nur die richtigen Fragen zu stellen?